Werkbeschreibung


Friedrich Daniel Rudolph Kuhlau (1786-1832)

Ouvertüre zu Elverhøj (Der Elfenhügel) op. 100

Friedrich Kuhlau, den dänischen Komponisten deutscher Herkunft – er ist im gleichen Jahr geboren wie Carl Maria von Weber – kennt man bei uns vielleicht noch wegen seiner Klavier- und Flötensonaten. In Dänemark ist er daneben vor allem auch als Schöpfer von Singspielen und Schauspielmusiken bekannt. Die Musik zu Elverhøj (Der Elfenhügel), einem Schauspiel von Johannes Ludvig Heiberg, entstand 1828 für eine Festaufführung anlässlich der Hochzeit des späteren König Frederik VII.

Für die Vertonung des von alten Volkssagen inspirierten Stoffes griff Kuhlau auf alte schwedische und dänische Volksweisen zurück. Am Schluss der hier gespielten Ouverture aber auch für den Schlusschor verwendete der Komponist eine aus dem 18. Jahrhundert stammende Melodie, der jedem Dänen bestens bekannte Königshymne „Kong Kristian stod ved højen mast” (König Christian stand beim hohen Mast) zu Grunde liegt. Kuhlau beziehungsweise der Dichter Heiberg setzte demgegenüber einen anderen, weniger kriegerischen Huldigungs-Text ein, der vom Orpheus Chor gesungen wird: „Beskærm vor Konge høje Gud…” (siehe Text hinten). Elverhøj, dem schon bei der Uraufführung ein beispielloser Erfolg beschieden war, gilt auch heute noch als das national dänische Bühnenwerk schlechthin.

 

Gabriel Fauré (1845-1924)

Pavane op. 50

Ursprünglich als Werk für Klavier geschrieben, erstellte Fauré in den Sommerferien 1887 eine instrumentale Version, die in Sommerkonzerten aufgeführt werden sollte. Auf Wunsch seiner Pariser Gönnerin, der Comtesse Elisabeth Greffuhle, der das Werk auch gewidmet ist, fügte er einen Chor hinzu mit der zusätzlichen Möglichkeit für Tanzeinlagen. Die eher belanglosen Verse steuerte ein Verwandter der Gräfin bei. Fauré selbst bezeichnete das Werk als elegant und im Übrigen nicht so wichtig.

Der Pavane liegt der gleichnamige spanische Hoftanz zugrunde. In ruhig fliessenden Bewegungen werden scherzende Hänseleien in Musik umgesetzt, wobei trotz Scherz und Tändelei eine melancholische Atmosphäre vorherrscht, die bereits zu Beginn durch die Melodie der Flöte geschaffen wird.

 

Johannes Brahms (1833-1897)

Rhapsodie für Alt, Männerchor und Orchester op. 53

Johannes brachte mir vor einigen Tagen ein wundervolles Stück. Worte von Goethe aus der Harzreise für Alt, Männerchor und Orchester. Er nannte es seinen Brautgesang. Ich kann das Stück nicht anders empfinden als wie die Aussprache seines eigenen Seelenschmerzes (Clara Schumann, 1869). Die Komposition entstand vermutlich aus Enttäuschung über die unglückliche Liebe zu Clara Schumanns Tochter Julie. Brahms hatte sich 1869 in die Siebzehnjährige verliebt, ohne seine Liebe je zu äussern. Als Julie Schuhmann dann einen italienischen Grafen heiratete, identifizierte sich Brahms mit dem im Goethegedicht beschriebenen abseits stehenden, von der Öde verschlungenen Jüngling. Brahms selbst schrieb an seinen Verleger Simrock: Hier habe ich ein Brautlied geschrieben für die Schumannsche Gräfin – aber mit Ingrimm schreibe ich derlei – mit Zorn! Wie soll’s da werden!“

Entsprechend Goethes Textvorlage hat Brahms die drei Strophen in drei Abschnitte gegliedert. Beginnend mit einer instrumentalen Einleitung, die die Atmosphäre der kalten und abweisenden Winterlandschaft verdeutlicht, erinnert der erste Abschnitt an ein Rezitativ mit deklamierendem Kommentar durch die Solostimme. Der zweite Abschnitt ist in Bogenform angelegt mit einer ariosen Solopartie. Die Linie der Gesangsstimme ist – gemäss der Textvorlage – geprägt von dissonanten Sprüngen und grossem Ambitus. Gegen Ende des Abschnitts moduliert die Musik nach C-dur, wodurch der dritte Abschnitt vorbereitet wird. Begleitet von sanften Achteltriolen setzen Alt und Männerchor zum choralartigen Finale an. Die Hoffnung auf Linderung der Schmerzen aber auch die Absage an den diesseitigen Trost wird hier in ergreifender Weise musikalisch umgesetzt und führt die Komposition in einer hymnischen Coda zu einem versöhnlichen Ende.

 

Niels Wilhelm Gade (1817-1890)

Elverskud (Erlkönigs Tochter) op. 30

Niels Wilhelm Gade, einer der bedeutendsten dänischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, erhielt bereits für sein erstes Werk, die 1841 komponierte Ouvertüre Nachklänge von Ossian, den ersten Preis des Kopenhagener Musikvereins. Der ausgebildete Geiger erhielt 2 Jahre später ein Stipendium des dänischen Königs, das es ihm ermöglichte, in Leipzig zu studieren. Dort fand er in Mendelssohn einen Förderer, dank dessen Vermittlung er seine erste und zweite Sinfonie im Gewandhaus aufführen konnte. 1847 wurde er als Nachfolger Mendelssohns zum Leipziger Gewandhaus-Kapellmeister berufen. Nach Ausbruch des Schleswig-Holsteinischen Krieges zwischen Preussen und Dänemark (1848) kehrte Gade nach Kopenhagen zurück und wurde zum unbestrittenen Führer des dänischen Musiklebens. Er wirkte als Direktor des Kopenhagener Musikvereins und leitete ab 1867 zusammen mit seinem Schwiegervater Johan Peter Emilius Hartman und H.S. Paulli das neu gegründete Königlich-Dänische Konservatorium. Unter seiner Leitung erklang 1856 erstmals Beethovens neunte Sinfonie in Kopenhagen, und auch die Geschichte der dänischen Bachrezeption ist seit seiner Aufführung der Matthäuspassion 1875 untrennbar mit seinem Namen verbunden.

Gades musikalisches Schaffen umfasst acht Sinfonien, Suiten, ein Violinkonzert, Kammermusik, Lieder, Ballette und Chorwerke, die auch in Deutschland lange zum festen Repertoire zählten.

Die Chorballade Elverskud (Erlkönigs Tochter) für Soli, Chor und Orchester entstand 1853. Das Libretto basiert auf zwei dänischen Volkssagen, die Johann Gottfried Herder und Wilhelm Grimm ins Deutsche übertrugen. Die Handlung ist folgende: Trotz der Warnungen seiner Mutter reitet Herr Oluf am Vorabend seiner Hochzeit noch einmal durch den Erlengrund, hin und her gerissen zwischen der Liebe zu seiner Braut und den Verlockungen der unbekannten Elfenwelt. Er widersteht zwar den Verführungskünsten von Erlkönigs Tochter und weigert sich, mit ihr zu tanzen, wird aber von dieser aus Rache mit einem Fluch belegt. In Gegenwart der Hochzeitsgesellschaft bricht er nach einem wilden Ritt tot zusammen.

Gades Vertonung ist dreiteilig: Im ersten Teil erscheint Oluf, dargestellt im Widerstreit seiner Gefühle für die blauen Augen seiner Braut und die braunen der Tochter des Erlkönigs. Die eingeworfenen Warnungen der Mutter halten ihn nicht von seinem nächtlichen Ritt zurück. Der zweite Teil spielt in der zwielichtigen Elfenwelt, deren Zauber musikalisch in sanfte, vom Horn angeführte Bläserklänge umgesetzt wird. Begleitet vom Chor der Elfenmädchen, charakterisiert durch Flöten und Triangel, erscheint Erlkönigs Tochter und versucht, Oluf mit lockender Vokalise über seinem Namen zum Tanz zu verführen. Oluf widersteht und entkommt, freilich bereits vom Tode gezeichnet. Der dritte Teil beginnt mit dem Morgengesang, einem Chorlied, das die Schrecken der Nacht vertreiben soll. Aber der Fluch der verschmähten Elfe ist stärker: Oluf bricht vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft zusammen, und mit dem lapidaren Kommentar des Chors „Herr Oluf ist tot“ endet die eigentliche Handlung.

Gade stellt das dramatische Geschehen in einen festen Rahmen, indem er ihm einen vom Chor gesungenen Prolog voranstellt und diese Melodie dann als Epilog wieder aufgreift. Im ganzen Stück übernimmt der Chor die Rolle des Erzählers und fügt ergänzende Kommentare an, so als würde die Geschichte aus einer alten Chronik vorgetragen.

 

(Christine Gehrig)