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Zwei Kantaten von Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Aus dem äusserst umfangreichen Schaffen von Johann Sebastian Bach wurden zwei sowohl vom musikalischen Aufbau als auch vom textlichen Inhalt her recht unterschiedliche Werke herausgegriffen. Gemeinsam ist ihnen die örtliche und zeitliche Nähe; beide sind in Leipzig zwischen 1727 und 1731 entstanden. Dieser Lebensabschnitt war für Bach nicht nur erfreulich: Er äusserte sich unter anderem in einem Brief an seinen früheren Schulkameraden Georg Erdmann vom 28. Oktober 1730 wie folgt: Da [ich] aber nun (1) finde, dass dieser Dienst bey weitem nicht so erklecklich als mann mir Ihn beschrieben, (2) viele accidentia dieser station entgangen […] , (3) ein sehr theürer Orth u. (4) eine wunderliche und der Music wenig ergebene Obrigkeit ist, mithin fast in stetem Verdruss, Neid und Verfolgung leben muss.

Es lässt sich durchaus denken, dass der Titel der ersten, vom Bass-Solisten dargebrachten Kantate, wenngleich eigentlich von durchaus kirchlichem Grundgehalt auch den weltlichen Befindlichkeiten Bachs Ausdruck geben soll:

Ich habe genung BWV 82 ("genung" ist die ursprüngliche Schreibweise)

Der von einem unbekannten Dichter verfasste Text bezieht sich auf einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium, der hauptsächlich die Geschichte um den Propheten Simeon beschreibt: 26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Nachdem Simeon zugegen war, als Jesus von seinen Eltern, wie es der Brauch gebot, im Tempel dargebracht wurde, lobte er Gott mit den Worten: 29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; 30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen…

Bach hat die Kantate zum 2. Februar 1730, dem Kirchenfest Mariae Reinigung komponiert. Sie wurde später, teilweise umgearbeitet, mehrfach von ihm wieder aufgeführt. In der ursprünglichen Form handelt es sich um eine Solokantate für eine Bassstimme mit instrumentaler Begleitung. Drei Arien werden dabei durch zwei Rezitative verbunden. Entgegen dem sonst zu dieser Zeit üblichen Ablauf, in welchem die Arien eher kontemplativ bleiben, die Rezitative hingegen dem Fortschreiten der Handlung dienen, bleibt der Text durchgehend ohne dramatische Inhalte. Trotz der anfangs scheinbar depressiven Stimmung (ich habe genung) endet die Kantate zuversichtlich: Ich freue mich auf meinen Tod, Ach! hätt er sich schon eingefunden. Da entkomm ich aller Not, die mich noch auf der Welt gebunden. Ein ausdrucksvolles Oboensolo leitet die erste Arie ein. Das musikalische Motiv wird in der Folge kontinuierlich durch verschiedene Tonarten hindurch weiterentwickelt. Auch im darauffolgenden Rezitativ erscheint das Grundthema zusammen mit dem titelgebenden Text ich habe genung nochmals, allerdings erneut melodisch modifiziert, um endlich diesen Abschnitt mit Nachdruck abzuschliessen. Als "Schlummer-Arie" wird der im mittleren Abschnitt placierte, häufig gespielte Satz gerne bezeichnet: Schlummert ein, ihr matten Augen. Seine Beliebtheit verdankt er wohl seiner aussergewöhnlich abwechslungsreichen musikalischen Struktur. Nach einem kurzen Rezitativ, das dem Abschied von dieser Welt gewidmet ist, bildet die Schlussarie den versöhnlich-tröstlichen Abschluss. Der beinahe tänzerische Rhythmus im schnellen 3/8-Takt unterstreicht trotz der Tonart (c-moll) die freudige Stimmung des Sängers.

Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140

Eine ganz andere Struktur weist diese Chorkantate auf, die Bach etwas mehr als drei Jahre danach geschrieben hat. Sie war bestimmt für einen Sonntag, der nur äusserst selten gefeiert wird, nämlich der 27. Sonntag nach Trinitatis. Dieses Kalenderereignis kann nur eintreten, wenn Ostern vor den 27. März fällt, da anderenfalls das Datum mit dem 1. Advent, dem Beginn des Kirchenjahres zusammenfällt. Nach der Uraufführung vom 25. November 1731 hat Bach selbst bis zu seinem Tod 1750 lediglich noch 1742 einen 27. Sonntag nach Trinitatis erlebt. Dem Text dieses Chorwerks liegt das Gleichnis "von den klugen und törichten Jungfrauen" aus dem Matthäusevangelium Kapitel 25 zu Grunde, dessen Kernaussage im Satz Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde [des Jüngsten Tages] gipfelt. Der lutheranische Pfarrer Philipp Nicolai hat 1599 den von Bach übernommenen Liedtext verfasst. Auch die Melodie wurde vom Leipziger Kantor fast unverändert übernommen. Neben dem in den Choralstrophen klanglich bestimmenden Chor setzt sich die instrumentale Begleitung aus drei Holzbläsern (zwei Oboen und einer "Taille" - einer Tenoroboe -, im modernen Orchester meist durch ein Englischhorn ersetzt), einem Streichersatz sowie Basso continuo zusammen. Die eingeschobenen Solopartien werden durch Bass (Jesus) und Sopran (Seele) bestritten. Ein sehr kurzes erzählendes Rezitativ wäre eigentlich einem Solotenor zugedacht, wird aber im aktuellen Konzert durch die Sopranistin ausgeführt. Ganz entgegen dem kontemplativen Inhalt der oben beschriebenen Solokantate besteht "Wachet auf, ruft uns die Stimme" mehrheitlich aus einer dramatischen Handlung, die in einem "Liebesduett" zwischen Jesus und der Seele gipfelt, wobei dieses der Verschmelzung von irdischem Liebesglück und himmlischer Seeligkeit entspricht. Der abschliessende Choral ist geprägt durch seine ausserordentliche Schlichtheit: indem die Instrumente genau denselben vierstimmigen Satz erklingen lassen wie die Singstimmen, entsteht eine besonders kraftvolle, dichte Musik, welche die in Aussicht gestellte himmlische Freude widerspiegelt: Ewig in dulci jubilo.

 Hans Peter Friedli



John Rutter (*1945): Requiem

Geboren 1945 in London, gehört Rutter zu den bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Englands. Seine musikalische Ausbildung erhielt er am Clare College, Cambridge, als dessen Musikdirektor er von 1975-1979 wirkte. 1981 gründete er die Cambridge Singers, einen Chor, mit dem er zahlreiche Konzerttourneen unternahm.

Das Hauptgewicht seines kompositorischen Schaffens bilden geistliche Chorwerke (Falcon, Gloria, Te Deum, Magnificat und Psalmfest). Dazu kommen Orchester- und Instrumentalstücke, ein Klavierkonzert und zwei Kinderopern. Neben seiner Arbeit als Komponist und Chorleiter ist Rutter auch als Herausgeber von Chorwerken tätig.

In dieser Funktion ist er auf das 1888 entstandene Requiem von Gabriel Fauré gestossen, das wesentlich zur Entstehung des Rutter’schen Requiems beigetragen hat, zumal Rutter der Musiksprache Faurés grosse Sympathien entgegenbrachte. Als er das kurz vorher wiederentdeckte Manuskript in der Pariser Bibliothèque Nationale studierte, reifte die Idee, selber ein Requiem zu komponieren. „A Requiem of our time“ sollte es gemäss Rutters eigenen Worten sein, und nicht eine dramatisch-pompöse Totenmesse wie sie Hector Berlioz oder Giuseppe Verdi komponiert hatten. Gewidmet hat Rutter das 1985 in Dallas uraufgeführte Werk seinem Vater, der im Jahr zuvor gestorben war.

Als Textvorlage verwendete Rutter nicht den ganzen liturgischen Text der Totenmesse, sondern kombinierte ausgewählte (lateinische) Teile mit englischen Texten aus dem Book of Common Prayer, dem liturgisch-katechetischen Buch der anglikanischen Kirche aus dem Jahr 1662. Die Komposition besteht aus sieben Sätzen, die musikalisch und textlich einen symmetrischen Zyklus bilden. Der erste (Requiem aeternam) und der letzte Satz (Lux aeterna) bilden den Rahmen mit der zentralen Bitte um Frieden. Die Sätze 2 und 6 sind englischsprachige Psalmen (Out of the Deep und The Lord is my Shepherd), während die Sätze 3 und 5 (Pie Jesu und Agnus Dei) Gebete formulieren. Im Zentrum des Werks steht der vierte Satz, das Sanctus.

Der erste Satz beginnt mit düsteren Dissonanzen und einem beunruhigenden Ostinato der Pauke. Nach dieser herben Einleitung, erklingt eine weich fliessende Melodie, begleitet von arpeggierenden Harfenklängen, die die von Hoffnung und Heiterkeit geprägte Stimmung des Werks voraus nimmt. Im zweiten Satz vertont Rutter den Psalm Out of the Deep (Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir). Es geht dem Komponisten offensichtlich um gute Textverständlichkeit, denn die Chorstimmen sind vorwiegend im gleichen Rhythmus gesetzt, begleitet vom Solocello, das die Stimmung der Verzweiflung und Einsamkeit musikalisch verdeutlicht.

Von der Dies irae-Sequenz der Totenmesse ist bei Rutter nur der letzte Vers Pie Jesu übriggeblieben, den er als dritten Satz vertont. Hier tritt nun erstmals der Solosopran auf, der zusammen mit Flöte und Klarinette dem tröstenden Element Klang verleiht. Zentrum des Werkes ist der vierte Satz, das feierliche Sanctus. Es handelt sich um einen festlichen Satz, den man nicht unbedingt in einem Requiem erwarten würde. In hymnischen Klängen verkündet der Chor die Heiligkeit Gottes, unterstützt durch das Glockenspiel, was dem Ganzen eine heiter-beschwingte Note verleiht. Mit dem sicheren Gespür des Chorfachmannes für chorspezifische Wirkungen komponiert Rutter hier einen Satz, dem ein geradezu sinnlicher Wohlklang eigen ist.

Im fünften Satz, dem Agnus Dei, tauchen die düstere Stimmung und die dumpfen Paukenschläge des Beginns wieder auf. Hier (wie auch im letzten Satz) kombiniert Rutter den lateinischen Messetext mit englischen Versen. Der vorletzte Abschnitt besteht wieder aus einer Psalmvertonung: The Lord is my Shepherd (Der Herr ist mein Hirte). Ein ruhiger und poetischer Chorsatz, dessen Klangwelt von der friedlich-melancholischen Oboe und der Harfe bestimmt wird. Wie in der ersten Psalmvertonung wird grosser Wert auf die Textverständlichkeit gelegt, weshalb der Chor entweder Unisono singt oder alle Stimmen im gleichen Rhythmus geführt werden. Mit dem letzten Satz schlägt Rutter den Bogen zum Anfang des Werks, indem erneut die leise pochende Pauke zu hören ist. Dem Text entsprechend (Lux aeterna) hellt sich die Stimmung aber zunehmend auf, erhält einen leuchtenden Charakter und wendet sich ins Versöhnliche, bevor das Anfangsthema Requiem aeternam noch einmal aufgegriffen wird.

                                                                                                                               Christine Gehrig